Die neue Schule

Das Referendariat ist vorbei und ich habe in Sachsen-Anhalt keine Stelle bekommen. Das ist vor allem deshalb frustrierend, weil einige andere Bewerber mit schlechteren Abschlussnoten hingegen Stellen in S-A bekamen, weil sie eben ein anderes Drittfach haben. Aber was soll’s – ich kann’s nicht ändern. Ich habe jetzt eine Stelle in einem benachbarten Bundesland und war heute zum ersten Mal in meiner neuen Schule… an der ich im Übrigen leider nicht, wie ich das gehofft hatte, ein halbes Jahr Fachlehrerin zur Eingewöhnung sein darf, sondern gleich Klassenlehrerin werde. Puh! Ein bisschen überkommt mich die Angst. Neue Stadt, neue Schule, neue Kollegen, neue Schüler, neue Lehrpläne und dann auch noch gleich Klassenlehrerin – mitten im Schuljahr! Klasse 3. Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Was muss ich beachten, woran muss ich alles denken? Wie gewinne ich die Kinder für mich? Es ist wohl auch ein sehr schwieriger Fall dabei, mal sehen, wie sich das äußert… oh weia.

Ich kann nicht sagen, ob ich einfach aufgrund des Referendariats ein solch „gebranntes Kind“ bin, das an eine neue Schulsituation nun sehr skeptisch herangeht, oder ob es an anderen Dingen liegt. Jedenfalls habe ich heute einen ersten Eindruck gewonnen und hoffe, dass dieser sich noch ein wenig ins Positive entwickelt, wenn ich am 01.02. meine Stelle antrete. Den heutigen Tag empfand ich jedenfalls so:

Die Schule ist ein Plattenbau, der außen saniert wurde, innen jedoch leider noch nicht. Das erste, was mir auffiel, als ich das Schulgebäude betrat, war der penetrante Geruch. Wisst ihr, was man meint, wenn man sagt: „Es riecht nach alten Leuten.“? Ich denke schon. Dieser Duft paart sich leider noch mit einer weiteren Duftnote. Es roch außerdem nämlich ein wenig nach Assiwohnung einer Wohnung, in der kein Wert auf Lüftung und Hygiene gelegt wird. Ich weiß, das klingt jetzt sehr hart. Aber es ist ehrlich so. Vermutlich, weil die Schule innen halt noch nicht saniert wurde. Jedenfalls liegt es natürlich nicht an den sich dort aufhaltenden Personen, denn das sind logischerweise ganz normale Menschen.

Zwei Kinder treten aus einer Tür hinaus auf den Flur. Ich frage sie freundlich, ob sie mir das Sekretariat zeigen könnten.

„Bist du die neue Lehrerin?“

Ich stutze erstmal, schließlich hatte ich ja eine Frage gestellt. „Das kommt drauf an…“

„Für die dritte Klasse!?“

„Seid ihr denn aus dieser Klasse?“

„Ja.“

„Dann sehen wir uns demnächst öfter“, erwidere ich augenzwinkernd.

„JAAA!“, rufen sie wie aus einem Munde, rennen los und rufen mir noch über die Schulter zu, wo das Sekretariat ist.

Die Schulleiterin führt mich durch das Haus und zeigt mir alle Räume. Die Klassenzimmer sind weitestgehend okay. In den meisten Fällen hängen gelbe Lamellenvorhänge vor den Fenstern, was ein schönes Licht zaubert. Die Einrichtung ist schlicht, aber in Ordnung. Schränke, Materialien, .. das Übliche. Und dann der kleine Schreck, den ich bekam, als ich mein zukünftiges Klassenzimmer sah. Kahle, weiße Wände, keine Vorhänge (wobei die Vorrichtung für die Lamellenvorhänge vorhanden ist), kein Teppich… und wenn man spricht, schallt es im Raum. In einer Ecke lese ich „Ruhezone“ auf einem kleinen Schild, unter dem ein altes Laken auf dem Linoleumboden liegt.  Mehr nicht. Nicht gemütlich.Oh je. Da muss ich was tun! Ich hoffe, jemand hat noch kreative Ideen, die leicht und ohne viel Geld umsetzbar sind. Renovieren werde ich jetzt nicht gleich, aber ich habe trotzdem nur die Standard-Ideen und Foren mit Tipps im Internet gaben mir auch nicht den nötigen kreativen Kick. Vielleicht weiß jemand ein paar Dinge, die man ganz toll selber machen kann?

Bisherige Gedanken zur Klassenraumgestaltung:

– PFLANZEN! (ja, ich weiß: nicht giftig, pflegeleicht, halbschatten- bzw. schattenbevorzugend)

– Sitzgelegenheiten, Kissen etc. für „Ruhezone“ oder auch Leseecke

– ein Teppich

– Gardinen (die ich aber eigentlich nicht auch noch kaufen kann… )

– alles in warmen Farben

– Geburtstagskalender

– indirekte Lichtquellen

– Wandgestaltung (Klar könnte man irgendwelche Erzeugnisse aus dem Kunstunterricht nehmen, aber ob und was da vorhanden ist, weiß ich noch nicht)

Wie gesagt, wenn jemand DIE Idee hat, die vielleicht ein wenig von meinen Stino-Vorschlägen abweicht, bitte her damit!

Ich bin gespannt auf die Klasse und darauf, wie sich das Verhältnis zwischen mir und den Kollegen entwickelt. Dies ist mir (nach diesem Referendariat) mit am allerwichtigsten… Ich hoffe so sehr auf eine warme, freundliche Atmosphäre untereinander. Ich vermisse es, einfach mal mit einem Kollegen zu erzählen, ohne dass man gleich in den Lästereien auseinandergenommen wird, sobald man den Raum verlässt. Ich vermisse es, sich gegenseitig zu helfen. Ich vermisse es, das Gefühl der Unehrlichkeit abschütteln zu können. Ich vermisse es, mit in einem Kollegium wohlzufühlen.

Männer werden 7. Danach wachsen sie nur noch.

Es hat sich bewahrheitet.

Männer sind doch alle gleich. Auch schon in Klasse 3.

 

„Ähm, Tobi?! Ist die NACKT??“

„NEEEEEEEEEIN, die hat einen Bikini an, Frau Kah!“

„Aber, sie spielt doch EIS-Hockey!“

„… und?“

-.-
(–> Und was zur Hölle macht die dahinter?!)

Hockey

 Ohne Worte.

Die Sache mit dem Kalender…

… bleibt wohl doch unbemerkt. Dachte ich.

Eigentlich muss ich freitags erst zur 2. Stunde in der Schule sein. Trotzdem bin ich schon vor der 1. Stunde im Klassenraum. Warum? Nun, ich bin doch auf Weihnachtsglaubenmission! Schnell stelle ich den verschwundenen Kalender an seinen Platz und befürchte, dass meine Aktion umsonst war – merken die Kinder überhaupt, dass einer von 5 Kalendern fehlt (noch dazu, wo sie diese bei anderen Lehrern gar nicht öffnen dürfen, wenn ich nicht da bin)?

Ich beschäftige mich während der ersten Stunde mit dem Kopieren der Klassenarbeiten, was sich als äußerst meditative Tätigkeit entpuppte. Blatt-Blatt-Blatt-Tacker!; Blatt-Blatt-Blatt-Tacker!; ….

2. Stunde

„Frau Kah, Frau Kaaahaaa!! Der Kalender war weg!“

„Welcher Kalender?“ (Was bin ich doch gut…)

„Na, der da! Der war gestern nicht daaahaaa! Und heute ist er auf einmal wieder da… das war der Weihnachtsmann. Frau Kah, ich HAB’S Ihnen doch GESAGT!“

„Vielleicht war er nur herunter gefallen?“ (erstmal dumm tun.. )

„Naaahiiin, er war wirklich weg. RICHTIG weg! Ich sag doch: Das war der Weihnachtsmann!“

„Basti, ich habe mit dem Weihnachtsmann gesprochen. Allerdings nicht mehr am Mittwoch – das habe ich nicht mehr geschafft. Gestern aber konnte ich ihn erreichen und ihm alles erklären. Er hat gesagt, wenn es ein Versehen war, ist alles wieder in Ordnung.“

„Dann ist ja alles gut.“

„Genau, du brauchst dir keine Sorgen mehr machen.“

„Aber Frau Kah?“

„Ja?“

„Wenn dir so etwas noch mal passiert, musst du dem Weihnachtsmann GLEICH bescheid sagen, damit er den Kalender gar nicht erst holen und wieder zurück bringen muss.“

„Du hast Recht, Basti. Aber noch einmal wird mir das nicht passieren.“

„Mir auch nicht. Ich bin froh, dass der Weihnachtsmann so nett ist.“

 

;-)

 

Nur noch ein Tag.

Am Montag ist für mich der letzte Tag an meiner Ausbildungsschule. Leid tut’s mir um die Kinder, deren zukünftige Situation in Bezug auf die Unklarheit über die Klassenleitung noch in den Sternen steht. Dennoch mache ich drei Kreuze, wenn ich diesen Meilenstein hinter mir lassen darf, der mir so viele Bauchschmerzen bereitet hat. Vorhin schlich sich, ohne dass ich das wollte, ein kleiner Funke Wehmut in mein Herz, als folgendes geschah:

„Frau Kah, meine Mama will mal mit dir sprechen!“

„Aha, wann denn?“

„Gleich heute nach dem Unterricht. Sie wartet auf dem Hof und kommt dann hoch.“

Oh Gott, was habe ich denn verbrochen?  In Ordnung, ich warte dann im Klassenraum.“

 

Es klingelt. Wieder ist ein Schultag vorbei. Eine sympathisch wirkende Frau steht im Türrahmen.

„Ah, sind Sie die Mutti von Jonas?“

„Ja – hallo, Frau Kah!“

„Hallo, was kann ich denn für Sie tun?“

„Ich wollte mich im Namen aller Eltern bei Ihnen bedanken und Ihnen alles gute für Ihre Zukunft wünschen.“

 

Sie drückt mir eine Geschenk-Tüte und Blumen in die Hand und lächelt. Ich bin sprachlos und gerührt.

Danke_Eltern_WP

 

Es ist unglaublich schön, wenn man merkt, dass Andere (in diesem Falle die Eltern) bemerken und zu schätzen wissen, wie sehr man sich bemüht hat. Die kleine Träne habe ich ganz schnell weggezwinkert.

 

 

Kalendertürchen-Debakel

Die letzte Stunde neigt sich dem Ende zu. Aus diversen Quellen haben sich im Klassenraum 5 (!) Weihnachtskalender angesammelt. Aus vielerlei Gründen sind wir mit dem Öffnen nicht ganz nachgekommen und darum durften heute viele Kinder ein Türchen öffnen.

„Kinder, wir haben bis zum 9. Dezember die Türchen geöffnet. Das heißt, ihr dürft ab Türchen Nummer 10 öffnen – bis zur 12, an jedem Kalender.“

Gesagt, getan. Alle Kalender waren nun bis zur Nummer 12 geleert und an ihren Platz zurück gekehrt.

„Frau Kah, ich war noch nicht dran!“, meldet sich Lisa zu Wort.

„Ich auch nicht!“, ruft Basti in einem Anflug von Panik.

Nun, die letzten beiden im Raum verbliebenen Kinder sollten nicht mit leeren Händen (Mündern) nach Hause gehen. Also öffnete ich ohne nachzudenken bereitwillig am erstbesten Kalender das Türchen Nummer 13 und drückte von hinten gegen den Kalenderrücken. Mit einem kleinen ‚plopp‘ sprang es in Lisas Hand und verschwand in ihrem Mund.

„So, Basti. Jetzt du“, sprach ich gönnerhaft und öffnete die Nummer 13 am nächsten Kalender.

„NEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!!! OH NEIN!! Der Kalender verschwindet!“ Bastis Augen weiteten sich vor Schreck.

Irritiert entgegnete ich: „Was ist denn?“

„Nein, nein, nein! Wenn man ein Kalendertürchen zu früh öffnet, nimmt doch der Weihnachtsmann den Kalender wieder mit! Oh nein, jetzt verschwindet der Kalender…“ Bastis Kinn bebt, die Augenbrauen sind traurigerschrockenfassungslos verzogen, die Stimme zittert.

Jetzt dämmert’s: „Oh, heute ist ja erst der 12. Dezember! Mensch, jetzt habe ich überhaupt nicht aufgepasst!“ Ich drücke das Kalendertürchen hastig wieder zu und beruhige Basti: „Pass auf, ich sage dem Weihnachtsmann bescheid, dass das ein Versehen war! Ich habe es wieder zu gemacht.“

Bastis Blick ist von Zweifeln gezeichnet, er fängt sich allerdings langsam und verkneift sich die Tränen. Ich schmunzle innerlich. Wie schön es doch ist, dass es noch Kinder gibt, die tatsächlich an den Weihnachtsmann glauben und sich zur Weihnachtszeit verzaubern lassen. Immerhin höre ich oft genug: „Ach, den Weihnachtsmann gibt’s gar nicht! Das ist mein Papa. Ich hab mir mein Geschenk auch schon ausgesucht, als wir letztens einkaufen waren.“ Das finde ich schade. Bastis Verhalten hingegen hat mich gerührt.

Ob das nun ein bisschen gemein ist oder ein kleiner Kniff, um diesen Glauben weiterhin am Leben zu erhalten, darum kann man sich streiten. Aber als ich den Kalender ganz versonnen ansah und über Bastis Worte nachdachte, steckte ich ihn mit einem Lächeln in meine Tasche. Das Türchen für morgen ist ja bereits geöffnet, morgen bin ich nicht da… und Freitag früh wird der Kalender – wie von Zauberhand – wieder an seinem Platz stehen. Schließlich hat der Weihnachtsmann gleich gehandelt, aber als ich am Donnerstag mit ihm sprach, ließ er Gnade walten und brachte ihn in der Nacht zurück. Die Nummer 14 wartet schon auf das nächste Naschkätzchen…

:-)

In diesem Sinne wünsche ich allen, die diesen Post lesen, eine besinnliche Vorweihnachtszeit und möchte euch ans Herz legen, den Glauben an den Weihnachtsmann, das Christkind und andere Weihnachtszauber bei euren Kindern so lange es geht zu fördern. Das tut ihnen gut.

Der Praktikant…

… traf mich wie ein Blitz.

Gestern wurde den Kollegen mitgeteilt, dass wir zwei Praktikanten haben. Eine junge Dame und einen jungen Herrn. Beide mit den besten pädagogischen Absichten. „Am schwarzen Brett hängt der Plan, dem jeder entnehmen kann, wann der Praktikant in wessen Unterricht hospitieren wird.“ – Aha, freitags in Gestalten. Nun ja, es gibt Schlimmeres. Da habe ich nur eine „halbe“ Klasse und bis dahin auch noch genügend Zeit, mir etwas Vorzeigbares auszudenken.

Heute, 6. und letzte Stunde. Mit letzter Kraft schleppe ich mich, meine Materialien und 19 hyperaktive Zweitklässler ins 4. OG bis zum Gestalten-Raum (Kunst-Raum würde viel schöner klingen…). Die Klassenlehrerin bat mich recht kurzfristig, für eine in der nächsten Woche geplante Aufführung ihrer Klasse die Kulissen in dieser EINEN, letzten Gestalten-Stunde vor dem Theaterstück mit den Kindern anzufertigen. Dass diese Zeit schon fast vorbei ist, wenn ich die Kinder im Raum habe, die Materialien ausgebreitet sind und die Aufgabenstellung geklärt und erläutert wurde, ist die eine Sache. Dass ich nicht so genau wusste, wie man es am besten organisieren könnte, dass alle 19 Kinder gleichzeitig harmonisch ohne sich gegenseitig anzuschreien, zu bemalen und zu schubsen das Plakat malen können, war die andere Sache. Wie dem auch sei, ich habe ja – Gott sei Dank – alle Unterrichtsbesuche hinter mir, niemand sitzt mir mehr im Nacken und wenn eine Stunde mal etwas chaotisch ist, überstehe ich das auch, denn schließlich guckt niemand zu, der mich beurteilen könnte oder müsste. Hauptsache, wir haben am Ende der Stunde unsere Kulisse. Soweit der Plan. Voll 80%iger Zuversicht erklomm ich also die Treppen, bis ich auf den letzten Meter einen weiteren Schüler entdeckte, der vor dem Gestalten-Raum wartete. Nur war der anderthalb Köpfe größer als die anderen. Und da stand er auf einmal: Der Praktikant.

Oh Gott.

„Guten Tag, ich bin Frau Kah!“, strecke ich ihm freudig überrascht meine Hand entgegen. Der stark an Justin Bieber erinnernde junge Mann (Jugendlicher, Schüler, Junge?!) erwiderte meinen Händedruck zögerlich, wagte einen kurzen Blickkontakt, bevor die Kräfte seiner Nackenmuskulatur schnell wieder schwanden und murmelte etwas unverständliches. Ich glaube, ich war nicht die Einzige, der seine Anwesenheit unangenehm war. Wo kam er her und warum zur Hölle war er ausgerechnet in DIESER Stunde bei mir, in der ich mich schon vorher blamiert fühlte?

Die Zweitklässler umkreisen neugierig die lange Tafel, welche ich aus Tischen zusammengeschoben habe, um die Tapetenrolle darauf auszurollen. Schnell begreifen sie, was ihre Aufgabe ist, wenn doch da nur nicht dieses Chaotische Durcheinander wäre.

Die Klasse ist laut. Sehr laut. Kimberly und Zoe reden ununterbrochen, Emily mischt sich ein. Paul und Oskar schubsen einander „aus Spaß“, Kevin, Robert und Justin grölen miteinander um die Wette. Ich kämpfe um Ruhe, überlege mir jedes Wort zwei Mal. Schließlich sind wir ja nicht allein. Doch auf diese Weise will mich die Rasselbande einfach nicht verstehen. Ein Moment der Stille. Ich erkläre die Aufgabe, verteile die Pinsel.

„Frau Kah, ich hab noch keinen Pinsel.“

„Ich hole gleich noch welche.“

„Ich hab auch noch keinen!“

„Gleich! Lässt du mich bitte ausreden?“    Was ist nur mit mir los? Völlig unentspannt und verplant. Justin Bieber verzieht keine Miene.

„Die Kinder, die an der Seite sitzen, gestalten den Himmel. Die anderen Kinder, an der Seite gegenüber, gestalten die Wiese.“

„Frau Kah, wir haben kein Rot!“

„Wir brauchen doch gar kein Rot, Jessica.“

„Frau Kah, Jeremy hat mich bemalt. Da am Ärmel.“    Ich ignoriere den vorwurfsvollen Blick und fahre fort. Ich schwitze.

„Die Jungen und Mädchen auf der Himmels-Seite holen sich jetzt bitte ihren Wasserbecher und füllen ihn.“

Die Kinder sind verwirrt: „Hä? Was sollen wir mit dem Himmel machen?“

„Ihr sollt euch einen Wasserbecher holen!“    Puh, heiß hier drinnen. Die ersten Kinder malen. Gott sei Dank. Noch 15 Minuten Zeit. Hoffentlich schaffen wir es, die Kulisse heute fertigzustellen.

„Soll ich „Sie“ oder „du“ sagen?“

„.. ist okay.“

„Was? Also „du“?“  –  er nickt.

„Du möchtest also Lehrer werden?“, lautet mein kläglicher Versuch, ein Gespräch anzufangen, um von der Peinlichkeit ringsherum abzulenken.

„Hmm.“   … sehr gesprächig.

„Für die Grundschule?“, hake ich nach.

„Nee, am besten für’s Gym.“

„Aha. Und welche Fächer?“, bohre ich weiter.

„Musik und Englisch.“

‚Warum, zur Hölle, bist du dann für dein Praktikum an eine Grundschule ohne derzeitige Musiklehrerin gegangen?‘, frage ich nicht, sondern entgegne: „Cool.“

Schuss in den Ofen, Frau Kah. Das war voll uncool.

In der Zwischenzeit sind 4 Kinder bemalt worden, die Tische haben einen neuen Anstrich erhalten, die Lautstärke gleicht in etwa der eines Affengeheges zur Fütterungszeit, Kimberly und Zoe streiten, Emily vermittelt, Oskar brüllt – nur zum Spaß – umher und das Plakat.. die Kulisse… ist (eher schlecht als recht) fertig.

„Das tut mir nun leid, dass du gerade in so eine Stunde bei mir geraten bist. Normalerweise läuft das hier anders“, so meine lahmarschig klingende Entschuldigung. Der Praktikant schweigt. Ob er mich gehört hat? Er glaubt mir wahrscheinlich nicht. Und auch wenn es mir egal sein könnte, ärgert mich das alles gewaltig. Gestalten ist mein Fach schlechthin.

Von den Wänden schauen die Krempelgeister und Schrottgespenster auf mich herab und grinsen voll Hohn. Auch die Sgraffito-Monster scheinen zu kichern. Was waren das doch für energie- und kreativitätsgeladene Stunden, in denen ich diese kleinen Kunstwerke mit den Kindern erschuf. Eigeninitiative, Individualität, Kreativität, freie Materialwahl, angeregtes Gemurmel, vor Ideen glühende Köpfe und tolle Ergebnisse. In so einer Stunde hätte mal ein Praktikant vorbeikommen müssen! Aber darum, dass so etwas immer dann passiert, wenn man es nicht gebrauchen kann, kümmert sich Murphy wirklich zuverlässig. Von meinem künstlerischen Wesen jedenfalls konnte ich ihm nichts zeigen. Höchst wahrscheinlich wird er dessen Existenz auch stark anzweifeln. Ich kann es ihm nicht verübeln. Und dennoch ist es mir unsagbar peinlich.

... kreative Unordnung und höchste Konzentration - ich liebe es...

… kreative Unordnung und höchste Konzentration – ich liebe es…

jedes anders, jedes besonders

jedes anders, jedes besonders

Mal eben ’ne Kulisse malen… mit 19 Kindern… in weniger als 45 Minuten.

Als Justin Bieber geht, rufen ihm die Kinder noch ein paar „tschüüüüß'“ hinterher, die er jedoch nicht erwidern kann, da er bereits seine Kopfhörer im Ohr hat und sich nicht noch einmal umdreht. Meine Güte, hoffentlich ist das nicht meine Schuld.

„Frau Kah, wie hieß der Mann?“

„Das wirst du ihn wohl selbst fragen müssen, falls du ihn noch einmal wieder siehst.“

„Frau Kah, Zoe hat Kimberly am Zopf gezogen!!“

Ich bin erschöpft. Und fühle mich sogar gesundheitlich angeschlagen.

 

Ich hab’s geschafft…

… jedenfalls fast. Ich bin Lehrerin. Offiziell. Aber an dieser „tollen“ Schule muss ich es noch bis zum Ende des Kalenderjahres aushalten. Allerdings ist der Zeitraum ja absehbar…

Ganz ehrlich: Nach dem Abi dachte ich: „Es kann ja im Studium nicht mehr schlimmer werden – eher besser.“ (leichtgläubiger Irrtum) Nach dem Studium, sprich, nach dem ersten Staatsexamen dachte ich: „Es kann unmöglich noch heftiger werden. Jetzt geht’s bergauf, die Praxis ruft!“ (wie naiv…)

Ernsthaft, das Referendariat ist das Härteste, das ich je durchlebt habe und bestehen musste (ausgenommen sind natürlich persönliche Tiefschläge wie Liebeskummer oder anderweitige, schlimmere Verluste). Das Ref. hat mich wirklich an meine Grenzen und darüber hinaus getrieben. Ich stand zeitweise am Rande eines Nervenzusammenbruchs und merke beim Schreiben, wie übertrieben das klingt. Es ist aber tatsächlich so. Natürlich muss man berücksichtigen, unter was für Umständen ich das alles meistern musste (fiese Kollegen, Mobbing und Intrigen, Bloßstellungen, Vorführungen, Verhöhnung und Arroganz). Diese Atmosphäre machte mich regelrecht krank. Jeden Morgen mit einem so schlimmen Bauchgefühl auf Arbeit fahren ist richtig kräftezehrend. Aber ich möchte nicht weiter über die vergangene Zeit und die Prüfung reden bzw. schreiben. Nun geht es um den Alltag.

Im Moment besteht die Schwierigkeit für mich darin, dass ich mir nichts dir nichts verantwortlich für eine Klasse bin, deren Klassenlehrerin länger krank geschrieben ist. Ich bin zur Zeit ungünstigerweise total auf mich allein gestellt und übernehme all die Aufgaben, welche mir (normalerweise) erst einmal erklärt werden sollten („Ihre Aufgaben als Klassenleiterin sind … . Dazu gehört, dass Sie an folgendes denken: a, b, … z.). Da leider niemand an meiner Seite steht, der mir meinen Verantwortlichkeitsbereich erklärt (welcher selbstverständlich weit über das „normale“ Unterrichten hinausgeht), muss ich das alles irgendwie von selbst auf die Reihe kriegen. Es macht mich wahnsinnig, dass ich ständig irgendetwas vergesse. Mal sind es die x-ten Elternbriefe, die ja noch hätten ausgegeben werden müssen, mal stelle ich zu Hause fest, dass ich die Stundenplanänderung noch nicht angesagt habe.. und über all dem Chaos muss ja auch der Unterricht geplant werden, der bei all dem Organisatorischen irgendwie ganz schön kurz kommt. Ich darf ja auch noch nicht voll arbeiten. Bis zu 16 Stunden sind es jetzt.

To-Do-Liste:

  • Absprache mit Kollegin aus Parallelklasse bzgl. Klassenarbeiten („Ach ja, Frau Kah – vergessen Sie nicht, dass dann im November auch die Klassenarbeiten geschrieben werden müssen.“ – äh.. klar…. bin zwar erst seit dem 5. November in der Klasse und war vorher in dieser Klasse gar nicht in diesem Fach tätig… stehe also nicht wirklich im Stoff.. aber – ähm, sicher!)
  • (selbst erstelltes) Arbeitsblatt (Wdh.) zur Vorbereitung auf den Test kopieren
  • Schulinternen Lehrplan des entsprechenden Faches kopieren
  • Elternbriefe ausgeben
  • Formular zum dritten mal kopieren und an 5 Schüler ausgeben, welche es mal wieder verbummelt haben (muss ja erst am Donnerstag ausgefüllt das sein…)
  • noch fehlende ausgefüllte Formulare einsammeln
  • Klasse fest aufteilen für Betreuungsstunde
  • Wer darf gehen / wer wird betreut? klären!
  • Stundenplanänderung ansagen
  • Deutsch- und Mathe-Hefter einsammeln
  • kontrollierte Hefte Kollegin zeigen und nach Bewertungskriterien fragen
  • Stoffverteilung Mathe und Deutsch für November planen
  • Test in Deutsch und in Mathe vorbereiten, erstellen, durchführen
  • Noten in allen 3 Fächern eintragen bzw. nachtragen
  • kranke Kollegin aufsuchen und Material holen
  • Unterricht in meinen drei Fächern planen und durchführen

Ich hab bestimmt die Hälfte vergessen. Bin müüüüde…

Ach so, wie ihr seht, habe ich mich jetzt für den Namen „Frau Kah“ entschieden, weil ich keinen für mich passenden Stellvertreternamen gefunden habe. Orientiert habe ich mich in puncto Namensfindung an der schlichten und darum guten Idee von Frau Weh, durch deren Blog ich überhaupt erst begonnen habe zu schreiben.

Jetzt ist erstmal schlafen angesagt…

Frau Kah hat morgen viel vor.

Nein, ich bin nicht verendet…

… noch nicht.

Aber Leute, das Referendariat macht mich echt fertig. Vor allem diverse Kollegen… Ich kann im Moment meine Energie nicht aufs Schreiben verwenden. Es tut mir echt leid. Aber sobald der Horror hier ein Ende hat, bin ich wieder da. Mit neuem Lebensmut und Schreiblust, mit Anekdoten, Tipps, Erfahrungen, Lustigem und Ärgerlichem, mit Kinderkram und Tatendrang!

Versprochen.

Titellos.

Ja, ich war inkonsequent und habe nichts geschrieben. Der Kopf ist momentan aber auch voll! Ich bin ein bisschen unschlüssig, was ich zum Beispiel tun soll, wenn die Schule zwar weiß, dass ich das momentan noch nicht darf, ich aber trotzdem

1. bereits eigenverantwortlichen Unterricht (ohne Mentorin) machen soll (und mache) und

2. auch regulär zur Pausenaufsicht eingeteilt bin.

Das klingt alles nicht so schlimm. Aber unser Seminarleiter sagt immer, dass wir das jaaaaa noch nicht machen sollen und dass wir ihm auf jeden Fall sagen sollen, wenn irgendwas nicht so läuft, wie es die rechtliche Verordnung will und vorschreibt. Wenn ich das aber tue und er sich dann dazu bewogen fühlt, in der Schule anzurufen und zu sagen, dass er da was gehört hat, was ihm nicht gefällt, dann hat die olle Referendarin auch noch gepetzt. Toll.

Aber was ist, wenn ich Unterricht habe und in der Stunde ein Kind kippelt, umfällt und sich den Kopf aufschlägt? Oder wenn auf dem Hof in der Pause etwas passiert und ich Aufsicht hatte? Wer hat dann Schuld? Das macht mir irgendwie Bauchschmerzen.

Heute sollte ich einen Jungen, der Förderbedarf hat und nicht richtig lesen/schreiben/sprechen kann, im kleinen Nebenraum einen Test nachschreiben, während seine Klasse Unterricht im Klassenraum hatte. Es ging um Getreidesorten. Leider war es ihm absolut nicht möglich, die Aufgabenstellungen zu lesen (geschweigedenn zu verstehen) und so half ich ihm beim Lesen. Zum Verständnis sprachen wir kurz nach dem Lesen einer Aufgabe immer nochmal kurz über deren Inhalt. Er sagte immer „Gekreide“ statt „Getreide“ und ich wollte, dass er lernt, es richtig auszusprechen.

„Sag das Wort noch einmal!“

„Gekreide.“

„Hör mal: Ge-TReide, nicht Ge-KReide.“

„Ge… krei.. TE!“

„… ok, nochmal langsam. Sag mal GE… “

„… GE…“

„… TReide“

„…………. TReide.“

„Jaaaa! Genau! Super!“ [Erfolgsgefühl stellt sich ein]

„Aber weißt du was? Is hab heute Telloks zun Früstück degessen!“

„…“

Habe ich die erste Woche geschafft oder hat sie mich geschafft?

Wow, die erste Woche war wirklich der Hammer. Ich muss zwar auch sagen, dass in dieser Woche wirklich ALLES zusammenkam, was hätte kommen können, doch es hat mich wirklich ein wenig umgehauen. Die Kurzform:

Montag:

5.45 Uhr Aufstehen

7.30 Uhr bis 13.10 Uhr Schule

13.30 Uhr bis 15 Uhr Dienstberatung

kurz vor 16 Uhr zu Hause

Vorbereitung Nachhilfe zu Dienstag

 

Dienstag:

5.45 Uhr Aufstehen

7.30 Uhr bis 13.10 Uhr Schule (kurzfristig erfahren: Soll am folgenden Tag eine Stunde beaufsichtigen und 2 Stunden komplett vertreten)

13.45 Uhr bis 15.15 Uhr Nachhilfe (erfahren: Schüler schreibt Ende der Woche zum wiederholten Mal seinen Einführungs-Motivations-Test nach, welcher bisher immer mit einer wenig motivierenden Note ausfiel)

16 Uhr zu Hause (neu erhaltene Versicherungsfragebögen ausfüllen)

17 Uhr auf dem Weg zum Versicherungsheini, um die Unterlagen abzugeben und etwas zu „besprechen“

18.30 Uhr zu Hause (Abendessen; dann Nachhilfevorbereitung inclusive Lernmaterialerfindung und -herstellung, um gegen das Problem der Zahlendreher anzukämpfen – selbstverständlich alles säuberlichst ausgeschnitten, laminiert etc.; dann: Unterrichtsvorbereitung für die Vertretungsstunden: Lehrplan wälzen, Ideen suchen, …)

3.00 Uhr im Bett.

 

Mittwoch:

5.45 Uhr Aufstehen

7.10 Uhr bis 13.10 Uhr Schule

13.45 Uhr bis 17.30 Uhr Nachhilfe (mit größeren Pausen dazwischen, damit das Kind auch mal Luft holen kann)

18.00 Uhr bis 20.00 Uhr Schule –> Elternversammlung!

20.45 Uhr zu Hause (Abendessen: Schnittchen hatte mein Liebster mir vorbereitet…)

 

Donnerstag (=Seminartag)

6.00 Uhr Aufstehen

8.30 Uhr bis 16.30 Uhr Seminar

17.30 Uhr zu Hause (Plasmaspende abgesagt… ging einfach gar nicht)

 

Freitag

5.45 Uhr Aufstehen

7.30 Uhr bis 10.00 Uhr Schule (bis 10.15 Uhr noch ne kurze Unterrichtsbesprechung)

11 Uhr ZU HAUSE – endlich Wochenende.

 

Entschuldigt, dass ich in der Woche nichts gepostet habe, aber es war einfach alles ziemlich stressig. Allerdings wird das ja nicht jede Woche so sein. Elternabend, Dienstberatung und Materialherstellung wird wohl nicht allzu oft auf ein und dieselbe Woche fallen. Nächste Woche sollen meine ersten mentorengestützten Unterrichtsversuche stattfinden. Uaaahhh… :-O

Aus der letzten Woche im Gedächtnis geblieben:

1.:

Ich komme in den Raum. Kind beugt sich über den Tisch und ruft anderem Kind zu: „Ey, guck ma: Ne Gehilfin!“ Na, hoffentlich steigt mein Status noch.

 

2.:

L: Was ist die Hälfte von 2?

S: 1!!

L: Genau. Und was ist die Hälfte von 8?

S: 4!

L: Richtig. Was ist denn die Hälfte von 9?

S: …

S2: …4?

S3: …nein, 5!

S5: Naaaahiiiin, das geht ja gar nicht, weil die 9 ja 4 + 5 ist. Die hat nich zwei gleich große… Seiten.

L: Richtig. Die Zahlen, von denen man die Hälfte bilden kann, nennen wir wie?

S: Die nennt man gerade Zahlen.

L: Super! Und wie nennen wir die anderen? Die, die man nicht in zwei gleich große Hälften teilen kann?

S: Das sind die schiefen Zahlen!!

 

Wie süß sie manchmal sind.. ;-)